overlay

Pressemitteilung

Blinder Aktionismus der EU gefährdet Dorschfischer in der Ostsee


Für Empörung bei den Ostseefischern sorgt die Veröffentlichung einer Durchführungs-verordnung der Europäischen Kommission heute im Amtsblatt der EU. Mit drakonischen Sofortmaßnahmen will sie etwas für den Schutz des Dorschbestandes in der Ostsee östlich von Bornholm tun und verkündet einen sofortigen Fangstopp ab morgen bis Ende des Jahres.

Weil einige Individuen des Ostbestandes zeitweise in den westlichen Teil rüberschwimmen, wird auch das ICES-Gebiet 24 einbezogen, also der größte Teil der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Ausnahmen gibt es nur für Fischereifahrzeuge unter 12 Meter Länge.

Die Kommission ignoriert mit dieser extremen Sofortmaßnahme die aktuellen wissenschaftlichen Gutachten. Diese haben gezeigt, dass so eine Maßnahme praktisch keinen Nutzen für den Wiederaufbau des Bestands bringen wird. Gleichzeitig erzeugt sie ein hohes Risiko für den Zusammenbruch von Fischereibetrieben.

Die deutschen Küstenfischer sind sich der Tatsache bewusst, dass sich der östliche Dorschbestand in der Ostsee in einem "schlechten Zustand" befindet. Die Größe des Laicherbestandes liegt aktuell bei rund 66.000 Tonnen. Damit ist der Bestand zwar weit davon entfernt, den maximal möglichen Dauerertrag (MSY) zu liefern, jedoch nicht akut vom Aussterben bedroht. Die von der Kommission getroffenen Maßnahmen sind deshalb überzogen. Die deutschen Fischer haben in den letzten Jahren bereits auf die vollständige Nutzung der Ostdorschquote verzichtet. Im letzten Jahr lag die Ausnutzung mit 356 Tonnen gefangener Ostdorsche gerade mal bei 26 Prozent. Für die Schonung des Ostbestandes dürfen die Fischer jetzt aber ihre Westdorschquote in Gebiet 24 ebenfalls nicht fangen. Das bedeutet, dass sich die Fischerei auf den westlichen Hering in die Gebiete 22 und 23 verlagern wird, um die noch vorhandene Quote abzufischen. Dies wird zu einer erheblichen Konzentration des Fischereiaufwandes in einem deutlich kleineren Gebiet führen. Für das laufende Jahr kann man "die Fangplanung in die Tonne treten", wie ein betroffener Fischer es verärgert formulierte.

Für Empörung sorgt auch das rücksichtslose Verfahren. Es gab keine richtige Anhörung der Betroffenen. Man bekam nur einige Wochen vorher ein Geraune aus den Ministerien mit, dass etwas geplant sei. Heute müssen die Genossenschaften rumtelefonieren, ob sie ihre Leute unverzüglich von See holen müssen oder erst morgen. "Das ist so, als würde man morgens nichtsahnend zur Arbeit gehen und wird mittags rausgeschmissen", war aus der Fischerei zu hören. "Solche radikalen Aktionen zeigen, was man zu erwarten hat, wenn die EU regieren darf" lautete ein anderer Kommentar.

Auch die Vorgeschichte lieferte keinen Hinweis auf diese radikale Maßnahme. Ende Mai hatte der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) einen Nullfang für das Jahr 2020 angesichts des schlechten Bestandszustands des Dorsches in der östlichen Ostsee empfohlen. Die wissenschaftliche Empfehlung besagt, dass die sofortige Schließung aller Fischereien auf den östlichen Dorsch (Nullfang) im zweiten Halbjahr 2019 sowie im Jahr 2020 voraussichtlich nur zu einer 4 % höheren Biomasse des Laichbestandes führen wird. Dieser geringe Effekt ist darauf zurückzuführen, dass zurzeit die natürliche Sterblichkeit 3 bis 4 Mal höher ist, als die Entnahme durch die Fischerei. Das bedeutet wiederum, dass die Verschlechterung des Dorschbestandes nicht auf eine Überfischung, sondern auf Umwelteinflüsse zurückzuführen ist.

Die Wissenschaft nennt als wesentliche Faktoren schlechte Sauerstoffverhältnisse, die veränderte Zusammensetzung der Nahrung und den hohen Parasitenbefall, der durch die unkontrolliert wachsende Robbenpopulationen in der östlichen Ostsee verursacht wird. Dies erklärt auch, warum sich der Zustand des östlichen Dorsches trotz kontinuierlicher Reduzierung des Fischereiaufwands in den letzten Jahren nicht vergrößert hat.

Noch vor einem Jahr hatte die Europäische Kommission eine um 45 % höhere Gesamt-fangmenge als die vom ICES für den östlichen Ostseedorsch empfohlene vorgeschlagen. Dieselbe Institution macht nun eine radikale Kehrtwende und zieht einen sofortigen Fangstopp durch. Die deutschen Küstenfischer sind der Ansicht, dass angemessene Entscheidungen auf wissenschaftlicher Grundlage und keine verzweifelten Maßnahmen erforderlich sind, um frühere Fehler durch neue zu kompensieren.

Es gibt auch keinerlei Vorbereitung, den Fischereibetrieben eine Krisenhilfe zu organisieren oder einen sozialverträglichen Ausstieg zu ermöglichen. Dieses abschreckende und verantwortungslose Verhalten der EU kann man nicht als Werbung für Europa darstellen.

Stattdessen schafft man einen gefährlichen Präzedenzfall für das Fischereimanagement auch in anderen europäischen Gebieten. Deshalb prüft die Fischerei zurzeit alle rechtlichen Möglichkeiten, um sich gegen diese Maßnahme zu wehren. Und es besteht die Hoffnung, dass ein neuer Kommissar diese fragwürdige Entscheidung wieder einkassiert.



Kontakt: Claus Ubl 0176 - 832 10 604

Titelbild_Homepage.jpg
Angler.jpg
Kutter6.jpg
selentfischer.jpg
AntaresWestbank.jpg
abfischen.jpg